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Abgang eines Großen

28.04.2019 
Wenn es Frankreich schlecht geht, kann es Europa nicht gut gehen. Und Frankreich geht es schlecht. Die brennende Notre Dame wirkte auf viele wie ein Fanal, die politisch ziellosen Demonstrationen der sogenannten Gelbwesten, die das zerrissene Land mitunter an den Rand eines bürgerkriegsartig anmutenden Zustands führen, sind ein Symptom.

Zuletzt hat man so etwas vor einem halben Jahrhundert gesehen. Den Anfang machten im Mai 1968 von Studenten ausgehende Krawalle in Paris und anderen Städten des Landes. Vergleichbare Szenen kannte man aus den USA oder auch aus Deutschland. Aber anders als dort solidarisierten sich in Frankreich große Teile der Arbeiterschaft mit den Studenten und traten am 14. Mai in einen unbefristeten Streik. Das hinterließ tiefe Spuren, auch in der Wirtschafts- und Währungspolitik des Landes: Im November 1968 kam der französische Franc unter die Räder.

Den Scheitelpunkt erreichte diese Entwicklung am 28. April 1969, also vor nunmehr 50 Jahren. An diesem Tag trat Charles de Gaulle, der erste Präsident der Fünften Französischen Republik, nach einem von ihm selbst angesetzten Referendum über eine Verfassungs- und Verwaltungsreform zurück. Thomas Nicklas, einer seiner besten deutschen Biographen, hat den Kern des Problems so auf den Punkt gebracht: „Frankreich litt nicht am Mangel, sondern an der schlecht verteilten Fülle.“

Auch das erinnert an die heutige Situation, und auch dieser Rücktritt war ein Fanal. Denn Charles de Gaulle war nicht irgendwer. Er hatte sein Land im Widerstand gegen die deutschen Besatzer aus dem Zweiten Weltkrieg geführt und dann diesen Deutschen, vertreten durch Konrad Adenauer, die Hand zu Aussöhnung gereicht; er hatte Frankreich den Weg aus dem furchtbaren Algerienkrieg gewiesen; und er hatte seinen transatlantischen Partnern die Stirn geboten.

Am Ende ist Charles de Gaulle gescheitert: Sein eigentliches Ziel, Frankreich in den Kreis der Weltmächte zu führen, hat er nicht erreicht. Und doch war er einer der Großen. Denn er gab Frankreich das, was heute allenthalben vermisst wird: seine Selbstachtung und seine Würde. Sie wiederzufinden, ist die entscheidende Voraussetzung, um der Zukunft gefasst ins Auge zu sehen. Das gilt für Frankreich, und es gilt eben deshalb auch für Europa.