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Ein großer Franzose

26.09.2019 
Jacques Chirac, der heute im Alter von 86 Jahren gestorben ist, war kein einfacher Partner. Die deutschen Bundeskanzler, die es mit ihm in seiner Zeit als Staatspräsident von 1995 bis 2007 zu tun hatten – Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel - , wussten das.

Aber er war ein bedeutender Staatsmann. Und er war immer für eine Überraschung gut. Nachdem er von 1977 bis 1995 als Bürgermeisters von Paris, zweimal auch als französischer Premierminister amtiert hatte und ihm im dritten Anlauf der Einzug in den Élysée-Palast gelungen war, traf Chirac zwei symbolträchtige Entscheidungen.

Mitte Juli 1995 legte er als erster französischer Präsident ein Bekenntnis zur Mitverantwortung seines Landes an der Deportation der französischen Juden in die deutschen Vernichtungslager ab. Nur wenige Wochen später, Anfang September 1995, nahm er die Atomtests auf dem pazifischen Mururoa-Atoll wieder auf und stellte sich damit in eine außenpolitische Tradition, die aufs engste mit dem Namen Charles des Gaulles verbunden ist.

Beide Entscheidungen waren innenpolitisch heftig umstritten, beide hatten eine historische Dimension, beide waren auf ihre Art ein Bekenntnis zur eigenen Geschichte. Dahinter steckte die feste Überzeugung, dass es ohne dieses Bekenntnis keine gestaltungsfähige Zukunft geben kann.

Weil Gerhard Schröder - der deutsche Bundeskanzler, der es am längsten mit diesem Präsidenten zu tun hatte - diese Sicht der Dinge teilte, haben die beiden ein gutes Arbeitsverhältnis und dann auch eine Freundschaft entwickelt.

Das war nicht unbedingt absehbar, denn vor allem bei den Themen, die das deutsch-französische Verhältnis traditionell immer wieder belasten, gerieten auch sie anfänglich aneinander. Auf dem europäischen Gipfel von Nizza im Dezember 2000 war der Zusammenstoß zwischen den beiden „frontal“, wie Chirac sich erinnerte.

Als dann aber der amerikanische Präsident Georg W. Bush zum Angriff auf den Irak blies, sich dabei über die Entscheidungslage der Vereinten Nationen hinwegsetzte und im Januar 2003 den Worten Taten folgen ließ, stand der französische Staatspräsident loyal zum deutschen Bundeskanzler, der sich in dieser Frage früh gegen den amerikanischen Präsidenten positioniert hatte.

Dass Chirac Schröder einlädt, am 6. Juni 2004 an den Feierlichkeiten anlässlich des sechzigsten Jahrestages der alliierten Landung in der Normandie teilzunehmen, hat diesen sehr bewegt. Er ist der erste deutsche Bundeskanzler, der an der Gedenkfeier teilnimmt.

Welches Format Jacques Chirac besaß, wurde mir erst voll bewusst, als ich mich mit der Kanzlerschaft Gerhard Schröders beschäftigte. Heute darf man sagen: Für Deutschland war dieser französische Staatspräsident ein Glücksfall.