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Willys Wahl

21.10.2019 
Am 21. Oktober 1969, um 11.22 Uhr, gab der Präsident des Deutschen Bundestages bekannt, dass der Abgeordnete Willy Brandt zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt worden war. 50 Jahre ist das jetzt her.

Damals war das eine Sensation, schon weil diese erste sozial-liberale Koalition auf Bundesebene nur eine hauchdünne Mehrheit hatte; in der Wahlnacht hatte es sogar noch so ausgesehen, als könne Kurt-Georg Kiesinger, dessen CDU zusammen mit der CSU nach wie vor stärkste Partei war, weiterhin im Kanzleramt bleiben.

Und auch die Wahl Brandts zum Kanzler war denkbar knapp: Gerade einmal drei Stimmen machten den Unterschied; vier waren ungültig. Und dass auf einer dieser Stimmkarten „Frahm nein“ stand, zeigte zugleich, dass Willy Brandt, der 1913 als „Herbert Frahm“ geboren worden war, zu den umstrittenen Figuren der alten Bundesrepublik zählte.

Den Namen „Willy Brandt“ führte er erst, seit er als Neunzehnjähriger den Kampf gegen die Hitler-Diktatur aufgenommen hatte. Dass er diesen Schritt getan und den Kampf vom skandinavischen Exil aus geführt hatte, haben ihm viele Altersgenossen nie verziehen. Dass Brandt die jahrzehntelangen Verleumdungen durchstand und es schließlich an die Spitze der Regierung brachte, war für den Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus und für die Einschätzung Deutschlands durch die vormaligen Opfer der deutschen Politik und Kriegführung von erheblicher Bedeutung.

Und dann war Willy Brandt der erste deutsche Sozialdemokrat im Kanzleramt. Zwei weitere folgten ihm noch. Zunächst unmittelbar nach Brandts Rücktritt im Mai 1974 Helmut Schmidt, sein Altersgenosse und politischer Weggefährte seit 1945, und dann, nach der lange Ära Helmut Kohl, im Oktober 1998 Gerhard Schröder, der sich als Schüler Brandts verstand.

Man läuft heute kein großes Risiko, wenn man die Prognose wagt, dass mit der Abwahl Schröders im Herbst 2005 die Ära sozialdemokratischer Kanzler ihr Ende gefunden hat. So wie sich die Partei nicht erst seither selbst zerlegt, muss sie eigentlich keinen Kanzlerkandidaten mehr aufstellen.

Mich hat dieser Willy Brandt zeitlebens fasziniert. Gerade weil er so polarisierte. Dass ich nach seinem Tod im Oktober 1992 die nach ihm benannte Bundesstiftung mit aufbauen und dann auch seinen Nachlass gemeinsam mit Helga Grebing und Heinrich-August Winkler mit herausgeben durfte, habe ich als große Ehre empfunden. Die Biographie, die ich damals schrieb und die 2001 erstmals erschien, war vom Start weg ein Bestseller.