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Am Ende gescheitert

14.06.2020 
Max Weber, dessen Todestag sich heute zum einhundertsten Mal jährt, war ein bedeutender Nationalökonom, Soziologe und politischer Denker. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. 1987 hat Wilhelm Hennis darauf hingewiesen, dass Weber zu seinen Lebzeiten „nur zwei ‚richtige’ Bücher veröffentlicht“ hatte, nämlich seine Doktorarbeit und seine Habilitationsschrift. „Das gesamte übrige Werk besteht aus Enquete-Berichten“, zumeist „schnell hingeworfenen Aufsätzen“ und einem monumentalen Fragment, das nach seinem Tod unter dem Titel „Wirtschaft und Gesellschaft“ Karriere machte.

Da er mit 54 unerwartet früh verstarb, überdies aufgrund einer psychischen Erkrankung viele Jahre nur eingeschränkt arbeitsfähig war, konnte Weber die meisten großen Arbeiten selbst nicht mehr abschließen und zum Druck bringen. Das heißt aber auch: Die Edition seines Werks ist in weiten Teilen Rekonstruktion und damit Interpretation. Die Frage, was Max Weber gedacht oder gemeint haben könnte, gehört zu den am häufigsten gestellten.

Die Max-Weber-Gesamtausgabe (MWG), die Mitte der siebziger Jahre auf den Weg gebracht wurde und jetzt abgeschlossen worden ist, stellte diese Frage mit jedem Band neu. Die Antwort umfasst rund 50 Bände. Der personelle und finanzielle Aufwand, der dafür getrieben wurde, stellt alles Vergleichbare in den Schatten.

Ich habe mehr oder weniger alle Bände rezensiert, die meisten für die Historische Zeitschrift, und kann – für das Gesamtprojekt und im Rückblick – feststellen, was ich auch zu den meisten Einzelbänden gesagt habe: In editorischer Hinsicht setzt die MWG Maßstäbe. Mit ihren Anmerkungen und Kommentaren, Registern und Verzeichnissen, haben die Bearbeiter, die eigentlichen Helden dieser wie jeder Edition, einen monumentalen Beitrag nicht nur zur Biographie des Mannes, sondern auch zum politischen und gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Bild seiner Zeit geliefert. In der Sache enthält die Edition, von den Briefen abgesehen, wenig Neues.

Was die mit Abstand umfangreichste Abteilung der MWG - Schriften und Reden - angeht, so waren praktisch alle Texte bekannt, wenn auch bislang nur in eher unzureichenden Ausgaben oder an entlegenem Ort verfügbar. Zu den wenigen neuen Stücken gehören mehrere Entwürfe Max Webers aus dem Jahr 1917 zur Änderung der Reichsverfassung. Ich hatte sie seinerzeit im Nachlass des Historikers Hajo Holborn gefunden, der in der Yale University, New Haven/Connecticut, aufbewahrt wird. Von diesem Fund und seiner Bedeutung habe ich im Februar 1983 in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet [„‚Parlamentarische Regierung’ und ‚geordnete Außenpolitik’. Ein unbekannter Entwurf Max Webers von 1917 zur Änderung der Reichsverfassung“, FAZ, 12. Februar 1983]. Die Entwürfe wurden dann in Band I/15 der MWG veröffentlicht, der 1984 als erster erschienen.

Max Weber war ein unglaublich intensiver Briefeschreiber. In seinen Briefen spiegelt sich seine Zeit wie in kaum einer zweiten vergleichbaren Korrespondenz. Sie zeigen aber auch einen Mann, der ziemlich unglücklich und äußerst streitsüchtig war, mit allen und allem haderte und auch deshalb vieles nicht zu Ende brachte. So gesehen ist er am Ende persönlich und wissenschaftlich gescheitert.

Eben deshalb hat mich diese Biographie seit meiner Studienzeit fasziniert und dazu geführt, dass ich mich – 1977 mit meiner Doktorarbeit beginnend - immer wieder mit Max Weber beschäftigt habe. Das biographische Porträt Max Webers, das 1998 erschien, findet bis heute seine Leser.