Gregor Schllgen  Historiker

Einer für Alle

07.12.2020 
Willy Brandts Kniefall von Warschau bewegt die Menschen heute mehr als in seiner Zeit. Vielleicht hat das damit zu tun, dass damals niemand damit gerechnet hatte. Auch Willy Brandt hatte diese Geste nicht geplant.

Es ist der 7. Dezember 1970. Die aus Bonn zur Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Vertrages angereiste Delegation unter Leitung von Bundeskanzler Willy Brandt erweist den Opfern des Aufstandes im Warschauer Getto ihre Reverenz. Im Frühjahr 1943 waren hier von Deutschen 56.000 Juden entweder getötet oder in die Gaskammern der Vernichtungslager deportiert worden. An diesem 7. Dezember 1970 will man am Mahnmal für die Opfer einen Kranz niederlegen und einen Augenblick still der 6 Millionen ermoderter europäischer Juden gedenken.

Aber dann bekommt das Zeremoniell eine unerwartete Wendung. Der Bundeskanzler kniet vor dem Mahnmal nieder. Jahre später, als er nicht mehr im Amt ist, erinnert er sich: „Unter der Last der jüngeren deutschen Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen.“ Ausgerechnet dieser Mann. Willy Brandt, der als junger Sozialist während des „Dritten Reiches“ selbst Verfolgter, nicht Täter gewesen ist, der die deutsche Diktatur von außen bekämpfte, findet sich für sein Land zu diesem Schuldeingeständnis bereit: „Ich bat für mein Volk um Vergebung“, sagt er später einmal. Heute gehört der Kniefall von Warschau zu den herausragenden Momenten unserer jüngeren Geschichte. Einer fand den Mut für alle.

In ihrer Zeit besaß die Geste von hoher symbolischer Bedeutung längst nicht die Bedeutung wie in unseren Tagen. In den deutsch-polnischen Regierungsgesprächen am 7. und 8. Dezember 1970 wurde der Kniefall von polnischer Seite nicht einmal erwähnt.

Und in Deutschland war er durchaus umstritten. Fast die Hälfte der Bundesbürger fand sie übertrieben. Je höher das Alter, umso deutlicher die Ablehnung. Reste dieses Ressentiments waren noch zu spüren, als ich um die Jahrhundertwende Zeitzeugen für meine Biographie Willy Brands interviewte.

Das hatte auch mit dem Anlass des Polenbesuchs zu tun. Denn mit dem Vertrag, den Willy Brandt in Warschau unterzeichnete, erkannte die Bundesrepublik faktisch die deutschen Gebietsabtretungen an Polen und damit die durch den Zweiten Weltkrieg geschaffenen territorialen Verhältnisse in Europa an. Für diese Leistung, die ihm im Frühjahr 1972 im Bundestag ein allerdings gescheitertes Misstrauensvotum eintrug, wurde Willy Brandt im Herbst 1971 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Heute gehört Willy Brandt parteiübergreifend zu den großen Deutschen.