Gregor Schllgen  Historiker

Kennans Korrektur

15.02.2021 
Vor 75 Jahren, am 22. Februar 1946, schickte der Botschaftsrat an der Vertretung der Vereinigten Staaten in Moskau, George F. Kennan, ein Telegramm nach Washington. Die klar gegliederte, konsequent argumentierende Analyse ist wegen ihres Umfangs von 8.000 Wörtern als „langes Telegramm“ in die Geschichtsbücher eingegangen. Darin machte der Diplomat deutlich, dass Stalins aggressive, auf Misstrauen basierende Außenpolitik eine logische Konsequenz aus der sowjetischen Weltanschauung sei.

Für Kennan stand außer Frage, dass die Kompromisslosigkeit des sowjetischen Vorgehens die „größte Herausforderung“ sein werde, mit der es die amerikanische Diplomatie jemals zu tun gehabt habe. So kam es tatsächlich. Kennans Telegramm wurde zur Grundlage der amerikanischen Politik gegenüber der Sowjetunion und so gesehen auch eines der Gründungsdokumente der NATO.

Als ich das vor 25 Jahren im meiner Geschichte der Weltpolitik analysierte, existierte die Sowjetunion seit fünf Jahren nicht mehr. So gesehen hatte sich auch George F. Kennans Diagnose von 1946 erübrigt.

Kennan selbst, der zu diesem Zeitpunkt als Historiker in Princeton wirkte, war einer der ersten, die daraus eine klare Konsequenz zogen. Schon 1993 hatte er dafür plädiert, die amerikanischen Truppen aus Europa abzuziehen, die NATO auf eine reine Militärorganisation zu reduzieren und ihr den Charakter einer Allianz zu nehmen, die sich „gegen irgend ein anderes Land“ richtet.

Sollte das nicht geschehen, fügte Kennan 1997 hinzu, sollte die NATO sogar noch erweitert werden, wäre das „der verhängnisvollste Fehler der amerikanischen Politik in der gesamten Ära nach dem Kalten Krieg.“ Denn diese Entscheidung werde „die russische Außenpolitik in eine Richtung treiben, die uns ganz und gar nicht gefallen dürfte“.

Genau so ist es gekommen. Der Grund liegt auf der Hand: Anders als George F. Kennan, einer der Architekten des politischen Westens während des Kalten Krieges, wollen oder können einflussreiche Vertreter dieses Westens auch 30 Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion und ihres Militärpakts nicht wahrhaben, dass Russland nicht mit der UdSSR identisch ist. Was diese Perzeption bedeutet, haben Gerhard Schröder und ich in unserem neuen Buch analysiert. Wie die Reaktionen zeigen, haben wir damit den Nagel auf den Kopf getroffen.