Gregor Schllgen  Historiker

Beste Feinde

21.03.2022 
Jetzt ist es vorbei. Am 17. März zog Oskar Lafontaine den Schlussstrich unter eine politische Karriere, die Glanzpunkte kannte, aber unter dem Strich die Geschichte eines nie verkrafteten Scheiterns und einer darin gründenden Zerstörung war.

Eigentlich ist es eine Doppelgeschichte. Denn schon früh gibt es den Anderen, den Herausforderer, den Zweckbündnispartner: Für Oskar Lafontaine ist Gerhard Schröder, aufs Ganze gesehen, der beste Feind, den er in der Politik je hatte.

Die beiden haben vieles gemeinsam. Sowohl Lafontaine, Jahrgang 1943, als auch Schröder, Jahrgang 1944, machen ihre Karrieren in der SPD. Beide sind in den neunziger Jahren populäre und sehr erfolgreiche Ministerpräsidenten, Lafontaine im Saarland, Schröder in Niederachsen. Beide sind instinktgetriebene Machtmenschen, glänzende Wahlkämpfer, ausgestattet mit der natürlichen Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und sich aus dem Stand heraus in praktisch jeder Situation auf ihre Umgebung einzustellen.

Einen Unterschied gibt es. Schröder erkannte diese Begabung Lafontaines immer und auch dann noch an, als der Rivale maßgeblich an seinem Sturz als Kanzler mitgewirkt hatte. Umgekehrt galt das nie. Lafontaine hat es nie verwunden, dass nicht er, sondern Schröder den Sprung ins Kanzleramt schaffte. Und das auch noch mit seiner Hilfe.

Buchstäblich niemand stellt heute infrage, dass Lafontaine, der 1995 in einem spektakulären Coup den Parteivorsitz an sich gerissen hatte, in dieser Funktion Schröders Weg an die Macht flankierte. Auch Schröder nicht. Ohne Lafontaine, sagte er mir wiederholt, „hätte ich das zu diesem Zeitpunkt kaum geschafft“.

Damit ist die Bühne für das große Drama bereitet. Denn kaum dass Schröder Ende Oktober 1998 von Helmut Kohl das Kanzleramt übernommen hat, lässt er keinen Zweifel, wo der Hammer hängt. Offenbar ist Lafontaine davon ausgegangen, als Parteivorsitzender und Chef eines stark aufgerüsteten Bundesfinanzministeriums der mächtige Strippenzieher bleiben zu können, der er während des Wahlkampfes tatsächlich war. Gemäß dem Moto: „Wer unter mir Kanzler wird, ist mir egal.“

Dass es anders kommt, dass jetzt Schröder, und nur er, sagt, wo es lang geht, setzt ihm mächtig zu. Nicht nur Eingeweihte und Vertraute spüren das. Aber was dann scheinbar aus dem Nichts heraus passiert, hat keiner auf dem Schirm. Er selbst wohl auch nicht. Am 11. März 1999 tritt Lafontaine nicht nur als Bundesfinanzminister, sondern auch als Vorsitzender der SPD zurück, legt zudem sein Abgeordnetenmandat im Deutschen Bundestag nieder und ist für niemanden mehr erreichbar.

Selbst engste Vertraute haben damit nicht gerechnet. Jedenfalls habe ich keinen getroffen, als ich im Zuge meiner 2015 erschienen Biographie Gerhard Schröders mit vielen Zeitzeugen darüber redete. Lafontaine sprach mir gegenüber von einer „Kurzschlussreaktion“ infolge eines „Zusammenbruchs“. Das mag so gewesen sein. Es gibt Indikatoren.

Tatsächlich muss es für ihn unerträglich gewesen sein, im Kabinett lediglich eine Geige zu spielen, während der Andere am Dirigentenpult steht. Dabei hätte ihn, auch da sind sich praktisch alle Zeitgenossen einig, die Kanzlerschaft überfordert, so wie ihn schon das Finanzministerium an die Grenzen seiner Möglichkeiten brachte.

Fortan hat Oskar Lafontaine ein großes Ziel: den Sturz Gerhard Schröders. Koste es, was es wolle. Auch eine Erschütterung der SPD, in der er nach wie vor viele Anhänger hat. Er weiß, warum er 1999 das Parteibuch behält. Es ist ein letztes Mittel der internen Sabotage einer Partei, die seit seiner Flucht von Schröder geführt wird. Diese Demontage der SPD durch Lafontaine gehört zu den schwersten Kollateralschäden seines Rachefeldzuges gegen den Rivalen.

Bei der Wahl zum Deutschen Bundestag im Herbst 2002 ist Lafontaine noch nicht soweit. Noch fehlen die Kohorten, die er braucht, um mit Aussicht auf Erfolg in die Schlacht gegen den Rivalen ziehen zu können. Drei Jahre später schlägt den beiden dann die Stunde. Denn jetzt steht Schröder wegen der so genannten Hartz-Reformen mächtig unter Druck und politisch mit dem Rücken zur Wand.

Auslöser für die finale Attacke Lafontaines ist die schwere Niederlage der SPD bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Sie ist die Steilvorlage, auf die er gewartet hat. Acht Tage, nachdem die SPD in Düsseldorf die Regierungsmehrheit verloren und Schröder angekündigt hat, die Bundestagswahlen um ein Jahr vorziehen zu wollen, gibt Lafontaine am 30. Mai 2005 sein SPD-Parteibuch öffentlichkeitswirksam zurück.

Als am 18. September 2005 im Bund gewählt wird, tritt er für die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) an. Im Bündnis mit der PDS holt man satte 8,7 Prozent der Stimmen. Ein Bruchteil davon hätte gereicht, um Gerhard Schröder zum Sieg über Angela Merkel zu verhelfen. So aber wird Lafontaine zum Wahlhelfer für Merkel und zum Sieger über Schröder. Und er genießt den Triumph. Auf seine Weise.

Am 18. Oktober 2005 tritt der 16. Deutsche Bundestag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Beide sind anwesend. Schröder, der in der ersten Reihe der Fraktion Platz genommen hat und sein Mandat anschließend zurückgeben wird, und Lafontaine, der nach seiner Flucht vom März 1999 wieder im Bundestag sitzt.

Was dann passiert, hat mir Lafontaine später so beschrieben: Er steht auf, setzt ein Grinsen auf, geht an Schröder vorbei. Der Blickkontakt dauert den Bruchteil einer Sekunde, bevor dieser den Kopf wendet. Das war’s. Die erste Begegnung nach sechseinhalb Jahren. Dabei ist es bis heute geblieben. Kein Wort, keine Geste, kein Signal. Von keiner Seite.

Gerhard Schröder beginnt 2005 - nach seiner Tätigkeit als Anwalt und seiner Laufbahn als Politiker - eine dritte Karriere und geht in die Wirtschaft. Lafontaine legt eine zweite politische Laufbahn hin, zunächst als Co-Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag und als Co-Parteivorsitzender der Partei Die Linke im Bund, dann unter anderem als Fraktionsvorsitzender der Linken im Saarland.

Dass die beiden besten Feinde im Frühjahr 2022 gemeinsam aus dem verbliebenen Scheinwerferlicht verschwinden, ist eine zeitliche Koinzidenz. Und es ist der finale Akt eines politischen Dramas, das seinesgleichen sucht.

Oskar Lafontaine kapituliert im Zuge einer innerparteilichen Provinzposse im Saarland, tritt aus der Partei Die Linke aus und kommt damit einem Ausschluss zuvor. Gerhard Schröder will partout nicht auf Distanz zu Wladimir Putin, dem Initiator und Treiber des brutalen Krieges in der Ukraine, gehen, verliert in Serie langjährige Weggefährte und riskiert den Ausschluss aus der SPD. Ein schwerer Fehler.

In ihren besten Jahren waren die beiden als politische Naturtalente schwer zu bezwingen. Schon gar nicht im Team, das allerdings nie mehr als eine Zweckgemeinschaft gewesen ist. Erledigt haben sich die beiden am Ende jeweils selbst.

Und doch gibt es einen Unterschied. Von Oskar Lafontaine wird außer einer Schneise der Verwüstung wenig bleiben. Von Gerhard Schröder schon. Warum das so ist, habe ich jüngst auf dieser Seite analysiert. Ob er die Sackgasse, in der er sich nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, manövriert hat, jemals verlassen kann, ist wenig wahrscheinlich. Aber wer weiß.

2012 von Bild gefragt, wie die „allerletzte Schröder-Schlagzeile heißen“ müsste, antwortete er: „Das müsste ja eine sein, wenn es es mit mir vorbei ist. Die sollte dann heißen: ’Er war immer für eine Überraschung gut!’“.