Gregor Schöllgen – Historiker

Unsere Pflicht

16.06.2022 
Einen Tag nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wies ich an dieser Stelle auf die Gefahr hin, dass angesichts des brutalen Vorgehens im Osten Europas der Rest einer an vielen Enden und Ecken brennenden Welt aus dem Blick geraten könnte. So ist es gekommen.

Das gilt für die brisanten Großkonflikte wie den im ost- und südchinesischen Meer, wo China nicht zufällig in diesen Tagen die Lage gezielt eskalieren lässt. Und es gilt erst recht für die ohnehin vergessenen Regionen der Erde. Wie das Horn von Afrika und die angrenzenden Gebiete.

Vor allem fünf der dortigen Länder – Äthiopien, Kenia, Somalia, Südsudan und Uganda – ächzen unter einer der schwersten Hungersnöte ihrer in dieser Hinsicht nicht gerade armen jüngeren Geschichte: Die Wasservorkommen sind seit langem erschöpft, die Tiere sind verendet, jetzt sterben die Menschen. Nach Angaben von unicef werden Ende des Jahres alleine in Somalia 1 Millionen Kinder akut mangelernährt sein, über 300.000 lebensbedrohlich.

Dass die ausbleibenden Getreidelieferungen aus der Ukraine – auch eine Folge der russischen Blockade namentlich Odessas – dabei eine Rolle spielen, ist richtig. Aber sie sind allenfalls ein Symptom dieser schweren Krise. Die eigentlichen Gründe und Ursachen sind älter und liegen tiefer. Und eine, wenn nicht die entscheidende Mitverantwortung für dieses Debakel, tragen wir, die Bewohner der nördlichen Halbkugel.

Auch für die Erderwärmung, die eine der maßgeblichen Ursachen dieses vierten Dürrejahres in Folge am Horn von Afrika ist. Die entscheidende Weiche in diese Richtung wurde in einer Zeit gestellt, als die meisten Staaten der südlichen Halbkugel nicht einmal an der Schwelle zur Industrialisierung standen. Dass die dadurch mitverursachte Belastung der Umwelt erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins allgemeine Bewusstsein rückte, ändert nichts an diesem Befund.

Nicht minder fatal wirken sich heute die unmittelbaren Eingriffe von Staaten der nördlichen Halbkugel in die Lebensräume des Südens aus. Offenkundig ist das für die direkte Kolonialherrschaft im Zeitalter des Imperialismus. Tatsächlich änderte sich daran aber auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur wenig: Der Kalte Krieg war auch eine Zeit der Instrumentalisierung der Staaten und Völker der südlichen Halbkugel durch die USA und die Sowjetunion sowie ihre jeweiligen Verbündeten.

Dass wir diesen Befund immer noch ignorieren, überrascht nicht unbedingt. Denn für die nördliche Halbkugel war dieser Krieg im wahrsten Sinne des Wortes ein „kalter“ – und so gesehen eine Zeit gedeihlicher Entwicklung. Heiß ausgetragen wurde der Kalte Krieg gleich auf mehreren Ebenen in der damals sogenannten Dritten Welt. Die politischen und sozialen, ökonomischen und nicht zuletzt ökologischen Folgen zeigen sich nicht erst heute.

Das gilt nicht nur für große Teile Afrikas. Aber dort und vor allem an seiner östlichen Spitze zeigt sich in diesen Wochen und Monaten schonungslos, was wir, die Bewohner der nördlichen Halbkugel, in der Welt angerichtet haben. Das zu bilanzieren, heißt nicht, die heute vor Ort Verantwortlichen aus der Pflicht zu entlassen. Aber es heißt, dass wir uns unserer Mitverantwortung zu stellen haben. Massiv zu helfen ist nicht nur eine karitative Aufgabe. Es ist unsere Pflicht.

Ich gehöre zu den wenigen deutschen Historikern, die unmittelbar nach Ende des Kalten Krieges dazu aufgerufen haben, diesem Teil der Welt die Aufmerksamkeit zu widmen, die wir ihm schuldig sind.

Die Analysen, die ich in der aktualisierten Ausgabe meines erstmals 1992 erschienenen Buches Die Macht in der Mitte Europas oder 1996 in meiner Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow vorgelegt habe habe, bedürfen bis heute keiner Korrektur. Ausdrücklich bestätigt wurden sie unter anderem Mitte Februar 2000 durch den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau auf der Internationalen Konferenz der Stiftung Entwicklung und Frieden in Bonn. Dass wir zwei Jahrzehnte später nicht wesentlich weiter Sind, ist ein Armutszeugnis.