Gregor Schllgen  Historiker

Die Spiele

10.09.2022 
Jetzt sind sie also vorbei. 50 Jahre nach der Schlussfeier der Olympischen Spiele ist zum zweiten Mal der Vorhang gefallen. Am 11. September 1972 ging es darum, die Spiele nach dem Anschlag auf die israelische Mannschaft, dem am Ende elf Israelis und ein deutscher Polizist zum Opfer fielen, „so gut wie möglich über die Runden zu bringen“, wie Joachim Fuchsberger, Chefsprecher der Münchener Spiele, das formulierte.

50 Jahre später wurde in zahlreichen Dokumentationen aller Art, darunter auch einige Bücher, an diesen „Deutschen Sommer“ erinnert. Den Untertitel gaben Markus Brauckmann und ich unserem Buch „München 72“. Für uns beide war das keine persönliche Erinnerung. Denn Markus Brauckmann, Jahrgang 1968, reiste zwar mit seinen Eltern für einen Tag nach München, kann sich aber natürlich nicht mehr an das erinnern, was er im Stadion gesehen oder richtiger verschlafen hat.

Ich studierte damals und war während der Semesterferien mit meinem Cousin Georg Schöllgen, dem späteren Kirchenhistoriker, auf einer unserer Orientreisen, die uns in diesem Jahr zunächst in die Türkei führte. Von den Olympischen Spielen haben wir praktisch nichts mitbekommen. Ausländische Zeitungen gab es so gut wie nirgends, telefonische Verbindungen waren nur nach Voranmeldung möglich, unsere wichtigste Informationsquelle war BBC, sofern wir den Sender im Radio unseres VW Käfer empfangen konnten.

Von dem Attentat hörten wir in einer Stadt in Anatolien. Am Morgen des 6. September saßen wir in einem Cafe, als wir von türkischen Gastarbeitern, die zu Besuch in ihrer Heimat waren, angesprochen wurden. Sie hatten unser Autokennzeichen gesehen und fragten uns, ob wir von dem Attentat wüssten. So erfuhren wir in Umrissen, was in den vergangenen 24 Stunden im fernen München passiert war.

Daran musste ich denken, als Markus Brauckmann und ich die Geschichte der Olympischen Spiele für ein breites Publikum aufschrieben. Natürlich hat das Attentat in unserem Buch München 72. Ein Deutscher Sommer den Stellenwert, der ihm gebührt. Der Anschlag war eine Zäsur, der die Spiele in eine Zeit davor und eine andere danach teilte. Bei unseren Recherchen stießen wir auf einen Satz, der das auf den Punkt bringt: München 72 waren die schönsten Olympischen Spiele, die je zerstört wurden. Das haben wir einzufangen versucht.

Auch deshalb wurde unser Buch in Presse und Hörfunk, im Fernsehen und auf digitalen Plattformen ungewöhnlich breit wahrgenommen und mehr oder weniger ausnahmslos in höchsten Tönen gelobt: Markus Brauckmann und Gregor Schöllgen „gelingt in ihrem Buch der schwierige Spagat zwischen der Leichtigkeit der Spiele und den dramatischen Ereignissen des Attentats … Es sind vor allem die unglaublich vielen Details, die einem beim Lesen ein buntes Panorama der Spiele vor Augen bringen. Und dennoch hat auch das Politische und Ernsthafte in diesem Buch seinen Raum. Der Erzählstil bleibt sich … auch hier treu und wirkt, im positiven Sinne, als würden die beiden Autoren vor einem sitzen und von diesem besonderen Sommer erzählen“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. „Die beiden Autoren nehmen ihre Leser gekonnt mit in eine andere Zeit zurück“, sagt der WDR. Genau das wollten wir, obgleich wir nicht dabei gewesen sind.