Gregor Schllgen  Historiker

Brandgefährlich

05.05.2023 
Ist ein Stück auf dieser Website vom Februar 2022 überschrieben. Damals ging es um die Sahelzone, also um den Krisengürtel, der sich von Guinea im Westen Afrikas bis zum Sudan im Osten erstreckt, und um die Rolle des Militärs. Die damals beschrieben Situation hat sich seither nicht nur nicht beruhigt, sondern ist infolge der am 15. April dieses Jahres ausgebrochenen Kampfs zwischen zwei Fraktionen des sudenesischen Militärs weiter eskaliert.

Auch in diesem Fall geht es nicht um einen lokalen Konflikt, so brisant er für sich genommen auch ist. Sondern es geht um einen möglichen Flächenbrand mit unkalkulierbaren Begleiterscheinungen und Folgen. Denn der Krieg, in dem sich dieses von der Geschichte gezeichnete Land wieder einmal befindet, hat ethnische und religiöse, wirtschaftliche und politische, geostrategische und ökologische sowie nicht zuletzt historische Dimensionen. Man kann das in meinem Buch Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte nachlesen.

Was auf dem Spiel steht, dokumentiert ein Blick auf die Karte: Der Sudan hat mit Ägypten, Eritrea, Äthiopien, Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, dem Tschad und Libyen sieben unmittelbare Nachbarn. Sie sind allesamt von schweren inneren Problemen gezeichnet und befinden sich mit mindestens einem ihrer jeweiligen Nachbarn in einem mehr oder weniger schweren, in vielen Fällen auch militärisch ausgetragenen Konflikt.

Nicht ohne Grund auf Russlands Angriff und den Ukrainekrieg fixiert, neigen wir dazu, Großkonflikte wie den in Nordostafrika aus dem Blick zu verlieren. Das ist falsch. Und es ist gefährlich. Als der Sudan 1898 infolge der sogenannten Faschodakrise erstmals als Thema in der Weltpolitik auftauchte, führte er die damaligen Hauptakteure England und Frankreich an den Rand eines europäischen Krieges. Das Potential für einen über die Region hinausgreifenden, schweren internationalen Konflikt hat der Krieg im Sudan allemal. So gesehen ist es klug und weitsichtig, dass der Bundeskanzler im Rahmen seiner zweiten Afrikareise auch Äthiopien und der in Addis Abeba ansässigen Afrikanischen Union einen Besuch abstattet.