Gregor Schllgen  Historiker

Das erste Buch

31.01.2024 
Vierzig Jahre ist es her, dass 1984 mein erstes Buch Imperialismus und Gleichgewicht. Deutschland, England und die orientalische Frage 1871-1914 erschien. Es ist die im Wesentlichen unveränderte Fassung meiner 1982 angenommenen Münsteraner Habilitationsschrift, die auf Basis umfangreicher Recherchen vor allem in deutschen, englischen und amerikanischen Archiven entstanden war.

Das Buch wurde mit seinem Erscheinen nicht nur in der Fachwelt, sondern auch in den Medien ungewöhnlich breit rezipiert, galt schon bald als Standardwerk, erlebte auch deshalb – und für ein wissenschaftliches Werk durchaus ungewöhnlich – drei Auflagen und hatte die damals sehr prestigeträchtige Einladung der Herausgeber des Oldenbourg Grundrisses der Geschichte zur Folge, den Band 15 der Reihe zu schreiben. Dieses Buch mit dem Titel Das Zeitalter des Imperialismus erschien erstmals 1986 und liegt inzwischen in einer fünften, gemeinsam mit Friedrich Kießling überarbeiteten und erweiterten Auflage vor.

Wenn ich meinen Erstling in letzter Zeit immer wieder einmal in die Hand nehme, ist das nicht nur der Eitelkeit des Autors, sondern auch den heutigen weltpolitischen Entwicklungen geschuldet. Wer die verstehen will, muss die Geschichte der internationalen Beziehungen in diesem sogenannten Zeitalter des Imperialismus kennen. Dass nicht wenige heutige Akteure – de facto oder auch erklärtermaßen – eine Rückkehr zu den damaligen geostrategischen Verhältnissen anstreben, den Hebel an allen möglichen Stellen ansetzen und dabei auf eine ziemlich breite Unterstützung in ihren Ländern zählen können, wirft Fragen auf.

Antworten finden sich in der Geschichte, wie der Rezensent meines ersten Buches vor vierzig Jahren in der Neuen Züricher Zeitung notierte: „Schöllgens gelehrte Untersuchung … lehrt, über den historischen Anlass hinaus, wie schnell und fast wieder Willen wirtschaftliche Durchdringung in politische Machtprojektion umschlägt, wie gefährlich die gefährlichen Konflikte werden können … und wie mühsam es ist, Entspannung vom Rand zur Mitte zu betreiben.“