So nannten sie Konrad Adenauer schon zu Lebzeiten. Die meisten verstanden das als Kompliment. Immerhin war der Kölner, dessen Geburtstag sich am 5. Januar 2026 zum 150. Mal jährt, schon 73 Jahre alt, als ihn der Deutsche Bundestag in seiner ersten Sitzung am 15. September 1949 zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wählte. Mit einer Stimme Mehrheit, und die stammte von ihm.
Heute besteht ein breiter Konsens, dass die schließlich vierzehnjährige Kanzlerschaft Konrad Adenauers für die junge Bundesrepublik ein Glücksfall gewesen ist. Ob die Verständigung mit den näheren und ferneren Nachbarn, die ja während des Zweiten Weltkriegs allesamt auch Opfer und Gegner des deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieges waren, einem anderen so hätte gelingen können, wissen wir nicht.
Wenn man die Bilder der Gespräche Konrad Adenauers mit Charles de Gaulle, David Ben Gurion oder auch mit Nikita Chruschtschow betrachtet, spürt man die besondere, durch die Persönlichkeiten geprägte Atmosphäre. Mir selbst sind bis heute die Besuche insbesondere Charles de Gaulles im September 1962 und John F. Kennedys im Juni 1963 in lebendiger Erinnerung.
Ich besuchte damals das Gymnasium in Bad Godesberg. Natürlich gingen die Klassen aller Schulen - geschlossen und jeder Schüler mit einer deutschen und einer französischen beziehungsweise amerikanischen Papierfahne ausgestattet – zu jenen Straßen, die der Autokorso mit dem Bundeskanzler und dem jeweiligen Staatsgast im Schritttempo passierte. Die Bilder haben sich in meiner Erinnerung wohl auch deshalb festgesetzt, weil Adenauer und sein Gast im offenen Fond des Wagens standen und winkten. Wer sie genau waren, wusste ich damals nicht; dass de Gaulles Besuch nur wenige Tage nach dem Eintritt ins Gymnasium für einen schulfreien Tag sorgte, fand ich wunderbar.
Nicht minder beeindruckst haben mich die Bilder der Trauerfeierlichkeiten, die ich am 25. April 1967 am Fernseher verfolgte. Wie mehr oder weniger alle Bundesbürger vom Kind bis zum Greis, sofern sie dem verstorbenen Altkanzler nicht in Straßen von Köln oder an den Ufern des Rheins die letzte Ehre erwiesen. Vergleichbares hat man vorher und nachher nicht gesehen.
Dabei war der mehr oder weniger erzwungene Abgang Konrad Adenauers aus seinem Amt am 15. Oktober 1963 nicht gerade überzeugend. Inzwischen 87 Jahre alt, gehörte er zu jenen Menschen, die nicht wahrhaben wollen, dass sie loslassen und gehen sollten, solange das mit Würde und Anstand möglich ist. Dass Adenauer hernach nicht müde wurde, seinen Nachfolger Ludwig Erhard zu demontieren, offenbart eine der Schwächen dieses Mannes.
Die Literatur über Konrad Adenauer, darunter die großen Biographien von Hans-Peter Schwarz und Henning Köhler, füllt inzwischen eine veritable Bibliothek. Anlässlich seines 150. Geburtstags wird sie noch einmal erweitert. Zu den Neuerscheinungen gehört eine bemerkenswerte Biographie aus der Feder des Bonner Historikers Friedrich Kießling:
Adenauer. Dreieinhalb Leben. Biographie.
Dieses Lebensbild konzentriert sich besonders auf die Jahrzehnte vor der Kanzlerschaft, zu denen auch die spannenden Jahre Konrad Adenauers in der Kommunalpolitik gehören. Immerhin war der Jurist von 1917 bis zu seiner Absetzung durch die Nationalsozialisten 1933 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Köln. Als er dieses Amt antrat, regierte noch Wilhelm II. als König von Preußen und Deutscher Kaiser. Als er abgesetzt wurde, amtierte Adolf Hitler als Reichkanzler. Man kann es auch so sagen: Beinahe 70 Jahre war Konrad Adenauer ein Bürger des Deutschen Reichs. Ohne diese Erfahrung lässt sich die Politik des Alten nicht verstehen.