
Jetzt kämpfen sie wieder. Nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal steht der Nahe Osten in Flammen. Insgesamt lassen sich, den aktuellen eingeschlossen, seit Ende des Zweiten Weltkriegs zehn Kriege in der Region identifizieren: vier Nahost-, zwei Libanon- und vier Golfkriege.
Die vier Nahostkriege hatten ihren Ursprung in der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948. Das damit einhergehende Dilemma, wie sich die legitimen Interessen Israels und seiner unmittelbaren Nachbarn - insbesondere Ägyptens, Jordaniens und Syriens - miteinander vereinbaren ließen, schien jahrzehntelang nicht lösbar. Vier Mal – 1948, 1956, 1967 und 1973 – führten sie gegeneinander Krieg.
Dass nach dem letzten, dem sogenannten Jom-Kippur-Krieg des Sommers 1973 die Waffen schwiegen, hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen war den Parteien nach vier Waffengängen bewusst, dass sich ihre Differenzen so nicht beilegen ließen. Zum anderen schickten die Amerikaner, schon damals die wichtigste Stütze Israels, mit Henry Kissinger einen vielfach ausgewiesenen Kenner ins Rennen. Zwischen Oktober 1973 und Januar 1975 reiste der amerikanische Außenminister elf Mal für Verhandlungen in den Nahen Osten. Viele Ergebnisse dieser Mission tragen nach wie vor. So auch die etappenweise Räumung der 1967 im Dritten Nahost-, dem sogenannten Sechstage-Krieg durch Israel besetzten ägyptischen Sinaihalbinsel.
Auch wenn die heutige Situation mit jener nur bedingt vergleichbar ist, fallen zwei gravierend Unterschiede ins Auge. Zum einen schicken die Amerikaner mit einem Schwiegersohn und einem Golfpartner ihres Präsidenten zwei Dilettanten in die Verhandlungen mit dem Iran. Zum anderen ist Israel offenkundig überzeugt, in der Region auf Dauer eine hegemoniale Stellung errichten und halten zu können.
Erkennbar wurde diese Einstellung schon in den beiden sogenannten Libanonkriegen der Jahre 1982 und 2006. Mit dem ersten Krieg, den Tel Aviv wenige Wochen nach der finalen Räumung des Sinai eröffnete, sollte die Palästinensische Befreiungsfront (PLO) aus Beirut vertrieben werden. Das gelang. Allerdings zu einem hohen Preis. Denn der Feldzug forderte nahezu 30.000 Tote und Verwundete, in der Mehrzahl Frauen und Kinder, und führte zu den ersten Antikriegsdemonstrationen in der Geschichte Israels.
Vor allem aber räumte die abziehende PLO radikaleren Gruppierungen wie der Hisbollah das Feld. Mit dem Zweiten Libanonkrieg im Sommer 2006 beginnend, sind seither sämtliche Versuche Tel Avivs gescheitert, die vom Teheran gesteuerte Terrororganisation zu zerschlagen. Wie es heute aussieht, wird das wohl auch im Rahmen des Ende Februar 2026 eröffneten amerikanisch-israelischen Kriegs gegen den Iran nicht gelingen.
Der Irankrieg ist der Vierte in einer Serie von Kriegen im und um den Persischen Golf. Mit ihnen betraten Anfang der Achtzigerjahre zwei Akteure das Schlachtfeld, die in den vier Nahostkriegen keine aktive Rolle gespielt hatten. Ähnlich wie am Anfang der vier Nahostkriege stand auch am Beginn der vier Golfkriege eine Staatsgründung. Im Mai 1948 war es die Gründung Israels, knapp 30 Jahre später, im April 1979, die Gründung des Islamischen Republik Iran. Sie war eine unmittelbare Folge der Flucht des Schahs und der Rückkehr Ayatollah Khomeinis nach Teheran.
Für den Irak, einen unmittelbaren Nachbarn Irans, waren die dortigen Verwerfungen ein willkommener Anlass, um den Iran im September 1980 anzugreifen. Saddam Hussein, Iraks starker Mann, konnte den Schritt wagen, weil er von etlichen, vor allem westlichen Staaten unterstützt wurde, die in diesem Feldzugeine Chance sahen, die iranischen Mullahs wieder los zu werden. Sie alle irrten sich.
Erst im August 1988, also nach langen acht Jahren, wurde der Krieg beendet. Mit weitreichenden Folgen. Die Machthaber in Teheran gingen trotz immenser Verluste gestärkt aus dem Kräftemessen hervor, der Diktator von Bagdad überfiel seinerseits im August 1990 Kuwait, um die leere Kriegskasse wieder aufzufüllen, und eröffnete damit den Zweiten Golfkrieg.
Die umgehende Reaktion der Weltgemeinschaft, von der man damals noch sprechen konnte, ließ für Interpretationen keinen Raum. Mitte Januar 1991 vertrieb eine Koalition aus 28 Staaten unter Führung der USA die Iraker wieder aus Kuwait. Allerdings wurde die irakische Hauptstadt Bagdad nicht eingenommen und Saddam Hussein nicht gestürzt.
Damit hielt sich George H.W. Bush, der 41. Präsident der USA, eng an das Mandat der Vereinten Nationen, das lediglich die Räumung Kuwaits legitimierte. Den darüber hinaus gehenden nächsten Schritt tat dann sein Sohn George W. Bush, als er am 20. März 2003 mit einer sogenannten Koalition der Willigen den Irak angreifen ließ.
Weil sich der 43. Präsident der USA damit ausdrücklich gegen ein anderslautendes Votum der Vereinten Nationen stellte, mochten sich ihm selbst einige enge Verbündete der USA, darunter Frankreich und Deutschland, nicht anschließen. Hinzu kam, dass die Gegner dieses Feldzugs nicht glaubten, dass der Irak, wie von der amerikanischen Regierung wider besseres Wissen behauptet, noch über chemische Waffen verfügte.
Nach wenigen Wochen waren dieser Dritte Golfkriegkrieg beendet, Bagdad erobertund Saddam Hussein gestürzt. Chemische Waffen wurden nicht gefunden, der Irak war in seinen Grundfesten erschüttert und bildete fortan den Nährboden für radikale Kräfte wie den sogenannten Islamischen Staat. Vor allem aber wertete die Ausschaltung des Irak als relevante politische oder militärische Kraft den Nachbarn Iran deutlich auf.
Ohne diese Entwicklung ist der Weg in den Vierten Golfkrieg schwer zu verstehen. So nutzte Teheran seine seit 2003 noch einmal gewachsene Stärke für direkte oder gesteuerte Angriff auf Israel. Zuletzt fielen am 7. Oktober 2023 beinahe 1.200 Menschen einem Blutbad durch die im Gazastreifen operierende Hamas, eine mit dem Iran verbundene Organisation, zum Opfer.
In diesem Zusammenhang richtete sich der Blick auch wieder auf das iranische Atomprogramm. Zwar hatte sich Teheran Mitte Juli 2015 auf ein Atomabkommen eingelassen, das von einer breiten internationalen Koalition getragen wurde, einen Verzicht auf die militärische Nutzung der Kernenergie vorsah und Kontrollen des Atomprogramms zuließ. Allerdings war dieses Abkommen inzwischen Makulatur. Denn Anfang Mai 2018, also während der ersten Amtszeit Donald Trumps, waren die USA ausgetreten.
Wenn der inzwischen 47. Präsident der USA jetzt erklärt, der von ihm und seinem israelischen Amtskollegen losgetretene Vierte Golfkrieg verfolge auch das Ziel, den Bau einer iranischen Bombe ein für allemal zu unterbinden, überzeugt das niemanden mehr. Denn nicht nur hatte Trump mit dem Rückzug vom Atomkompromiss dem Teheraner Regime eine Steilvorlage für die Wiederaufnahme seines Programms geliefert, sondern Mitte Juni 2025 auch behauptet, die iranischen Atomanlagen seien im Zuge eines zehntägigen amerikanischen Bombardements zerstört worden.
Offenkundig dienen diese wie etliche andere, mitunter im Stundentaktformulierte, modifizierte, revidierte Begründungen für den Vierten Golfkrieg dem Zweck, das eigentliche Ziel zu kaschieren, um das es den USA und ihrem Präsidenten geht: die Kontrolle der irakischen Energieträger Gas und Öl. Da Donald Trump zu den Menschen gehört, die nicht an sich halten können, hat er selbst nicht nur dieses, sondern ein zweites Ziel seines Feldzugs namhaft gemacht: die Vernichtung einer „ganzen“, nämlich der iranischen „Zivilisation“.
Mit dem ersten Ziel bewegt sich der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika auf einer bekannten Linie. Mit dem zweiten hat er in diesem Zehnten Nahostkrieg ein Tor aufgestoßen, von dem niemand weiß, ob es sich wieder schließen lässt.