Gregor Schöllgen – Historiker

Der vergessene Krieg

08.09.2026 
Alle reden von der Ukraine und vom Persischen Golf, vom Gazastreifen und von Taiwan. Keiner spricht über die Falklandinseln. Und kaum jemand in Europa weiß, wo die überhaupt liegen. Dabei stehen die etwa 500 Kilometer östlich von Argentinien im Südatlantik gelegenen, von den Argentiniern als „Malwinen“ beziehungsweise „Malvinas“ bezeichneten Inseln seit 1833 unter der Kontrolle Großbritanniens. 
 
Am 2. April 1982 wurden sie durch Argentinien in einem Handstreich besetzt. Offensichtlich ging es den von General Leopoldo Galtieri geführten argentinischen Militärs, die sich Ende März 1976 an die Macht geputscht hatten, auch darum, ihr dramatisch gesunkenes Image durch einen spektakulären außenpolitischen Coup aufzumöbeln. Das ging schief, weil die von Margaret Thatcher geführte britische Regierung wenige Tage später die Rückeroberung einleitete.
 
Was als Rückfall in die Kanonenpolitik des 19. Jahrhunderts aussah, war auch ein Versuch, die als völkerrechtswidrig betrachtete Okkupation nicht zu einem Präzedenzfall werden zu lassen. Mit der Kapitulation der argentinischen Streitkräfte in der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1982 war dieses Ziel nach zehn Wochen erreicht.
 
Der sogenannte Falklandkrieg hatte anachronistische Züge. Immerhin schickte die britische Premierministerin eine ganze Armada auf eine 8.000 Meilen weite Reise, um am anderen Ende der Welt erneut die britische Flagge auf einer Inselgruppe zu hissen, die von gerade einmal 1.800 Menschen und 400.000 Schafen bewohnt wurde. Die enormen Rohstoffvorkommen im Raum der Inseln waren damals noch so gut wie unbekannt, spielten also als Kriegsmotiv keine entscheidende Rolle.
 
In den Reihen der Verbündeten stieß die britische Kommandoaktion auf betonte Zurückhaltung. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan wies die Bitte Margaret Thatchers um Unterstützung kühl zurück. Die Solidarität der europäischen Partner hielt sich in engen Grenzen.
 
Der kurze Krieg war schon deshalb bald vergessen, weil die dramatischen Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten die Aufmerksamkeit der Europäer und Amerikaner banden. Für sie waren die Gründung der Islamischen Republik Iran, der Einmarsche der Sowjets nach in Afghanistan und nicht zuletzt der seit 1980 tobende irakisch-iranische Krieg, der auch als Erster Golfkrieg in die Geschichte eingegangen ist, wesentlich brisanter als ein zehnwöchiges Gefecht auf einer Inselgruppe im Südpazifik.
 
Für die Argentinier stellte sich das naturgemäß ganz anders dar. Zwar mussten sich die Militärs bis Ende 1983 endgültig wieder in ihre Kasernen zurückziehen. Aber die Wunde, die sie mit dem verlorenen Gefecht geschlagen hatten, verheilte nie. Der Krieg war nicht vergessen. Der Anspruch auf die Inseln blieb.
 
Deutlich wurde das bei der Fußballweltmeisterschaft in diesem Sommer, als Mitglieder der argentinischen Mannschaft nach ihrem Sieg über das englische Team eine Fahne mit der Aufschrift „Die Malwinen sind Argentinisch“ entrollten. So sehen das erklärtermaßen auch Javier Milei, der argentinische Präsident, und indirekt auch sein Amtskollege im Weißen Haus.
 
Immerhin denkt Donald Trump in diesen Tagen öffentlich darüber nach, ob die USA Großbritannien zur Hilfe eilen würden, sollte es wegen der Falklandinseln zu einem Konflikt mit Argentinien kommen. Die Botschaft lässt sich in Buenos Aires auch als Freibrief lesen. Ob man überhaupt in der Lage wäre, ihn einzulösen, sei dahingestellt.
 
Entscheidend sind die Botschaft und der Moment, in dem sie verschickt und der Südpazifik aus seinem Dämmerschlaf geholt wird. Der Zeitpunkt für eine Revision des Staus quo scheint günstig. Wer interessiert sich schon für die Falklandinseln, während es im Persischen Golf – zum vierten Mal in Folge und zum zweiten Mal ausgelöst durch die USA - zur Sache geht?