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Licht und Schatten

14.01.2019 
2019 ist ein Jahr vielfältigen Erinnerns. Auch für die SPD. In einer Zeit, in der sich die älteste deutsche Partei sehenden Auges selbst marginalisiert und, wenn das so weitergeht, bald nur noch die viert stärkste Kraft auf nationaler Ebene sein dürfte, lohnt sich der Blick zurück.

Denn vor 50 Jahren gelang ihr der Machtwechsel in Bonn. Am 5. März 1969 wurde mit Gustav Heinemann erstmals ein Sozialdemokrat zum Bundespräsidenten gewählt. Und am 28. September kam die SPD mit einem Stimmenanteil von 42,7 Prozent so nahe an den Wahlsieger CDU/CSU heran, dass sie gut drei Wochen später eine Koalition mit der FDP eingehen und erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland den Bundeskanzler stellen konnte.

Je größer das Elend der Sozialdemokraten wird, um so heller strahlen jene Jahre, in denen Willy Brandt von 1969 bis 1974 als Bundeskanzler die Verantwortung für das Land trug. Dafür gibt es gute Gründe, allen voran die Aussöhnung mit jenen Völkern und Staaten Osteuropas, die von Deutschland bis 1945 mit einem beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug überzogen worden waren. Dass Willy Brandt in dieser Zeit selbst zu den Verfolgten zählte und das Hitler-Regime von außen bekämpfte, ist für seine Partei – bis heute und mit gutem Grund – identitätsstiftend.

Aber wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Wer über Willy Brandt spricht, sollte nicht vergessen, dass er nach seinem Rücktritt vom Kanzleramt im Mai 1974 als Parteivorsitzender seinem sozialdemokratischen Nachfolger Helmut Schmidt das Leben nicht immer leicht gemacht hat, im Gegenteil: Sein Oppositionskurs gegen den sogenannten NATO-Doppelbeschluss trug einiges zu Schmidts innerparteilichen Demontage und zum Ende der sozialliberalen Koalition im Herbst 1982 bei. Davon hat sich die SPD bis heute nicht erholt. Keine andere deutsche Partei demontiert ihr Führungspersonal so konsequent wie diese.

Auf eine andere Schattenseite Willy Brandts hat jetzt der Münchener Historiker Michael Wolffsohn aufmerksam gemacht. In seinem neuesten Buch „Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror“ vergleicht Wolffsohn, ein exzellenter Kenner der Materie, die Ostpolitik des vierten Bundskanzlers mit dessen Nahostpolitik. Es ist eine heftige, quellenmäßig gut abgesicherte Kritik an einem häufig übersehenen Kapitel in der Außenpolitik des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers. Man muss sie nicht in allen Punkte teilen, aber man sollte sie kennen. Denn wer die Schatten kennt, weiß das Licht zu schätzen.