Gregor Schöllgen – Historiker

Gerhard Schröder. Meine Geschichte.

13.03.2023 
Erstmals unter vier Augen gesprochen habe ich mit ihm am 17. Juni 2003 im Kanzleramt. Anlass des Gesprächs war die Arbeit an einem Buch über die deutsche Außenpolitik seit der Wiedervereinigung. Um mich auf sicherem Terrain zu bewegen, bat ich die beiden Hauptakteure dieser Jahre, also den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und den amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder, um ein Hintergrundgespräch. Beide sagten zu.

Das Buch erschien dann unter dem Titel „Der Auftritt. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne“ und wurde am 27. August 2003 durch den damaligen Außenminister Joschka Fischer in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt vorgestellt. Es war die zweite Präsentation einer Neuerscheinung aus meiner Feder durch den Minister: Im Frühjahr 1999 hatte er im Bonner Haus der Geschichte mein Buch „Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ vorgestellt.

Sowohl Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) als auch Helmut Kohl (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) kannten mich vor unserer jeweiligen ersten persönlichen Begegnung aus meinen Veröffentlichungen. Außerdem war ich seit 1982 in der Attachéausbildung des Auswärtigen Amtes tätig, seit 1987 als verantwortlicher Leiter und Prüfer des Hauptseminars „Politik und Geschichte“. Und die Diplomaten, die ich im Laufe von mehr als drei Jahrzehnten ausgebildet habe, waren – und sind – nicht nur im Auswärtigen Amt oder an den Botschaften tätig, sondern auch im Bundeskanzleramt, im Bundespräsidialamt und anderen Einrichtungen. Einer politischen Partei habe ich übrigens nie angehört.

Helmut Kohl, dessen Performance im Umkreis der Vereinigung Deutschlands ich für eine der größten außenpolitischen Leistungen der Bundesrepublik halte, bin ich während seiner Kanzlerschaft am Rande, danach wiederholt bei Vieraugengesprächen in seinem Berliner Büro oder auch in seinem Haus in Oggersheim begegnet. Ein Thema unserer Gespräche war die Arbeit an der vierteiligen TV-Dokumentation „Kanzler, Krisen, Koalitionen“, die vor der Bundestagswahl 2002 von RTL ausgestrahlt wurde. Arnulf Baring und ich haben die Produktion beraten und gleichzeitig ein breit rezipiertes Buch zu diesem Thema geschrieben. In den beiden letzten Gesprächen, die ich 2013 mit dem schon schwer erkrankten Altkanzler in Oggersheim führen konnte, ging es unter anderem um Gerhard Schröder.

Gerhard Schröder war ich vor unserem ersten Vieraugengespräch im Kanzleramt gelegentlich im Rahmen meiner langjährigen Tätigkeit als Mitglied des Vorstandes der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung (BWBS) und als Mitherausgeber der zehnbändigen Berliner Willy-Brandt-Ausgabe begegnet. Die BWBS war 1994 – durch den Deutschen Bundestag und unter maßgeblicher Beteiligung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl – errichtet worden. Die beiden ersten Bände der Berliner Willy-Brandt-Ausgabe wurden im Herbst 2000 durch Bundeskanzler Gerhard Schröder im Rathaus Schöneberg vorgestellt.

Die Berliner Ausgabe und meine 2001 erschienene, inzwischen in 10. deutscher Auflage vorliegende Biographie Willy Brandts waren aus naheliegenden Gründen auch ein Thema unserer Gespräche seit 2003: Willy Brandt war und ist eine der Persönlichkeiten, die Gerhard Schröder vor allem seit seiner Zeit als Juso-Vorsitzender, also seit den ausgehenden siebziger Jahren, maßgeblich geprägt haben.

Vermutlich habe ich ihn auch in dieser Zeit erstmals bewusst wahrgenommen. Mehr oder weniger aufmerksam verfolgt habe ich ihn als Ministerpräsidenten von Niedersachsen, also seit 1990. Schröders Wahl zum Bundeskanzler im Herbst 1998 habe ich begrüßt, weil es nach den bleiernen letzten Jahren der späten Ära Kohl dringend eines Neuanfangs bedurfte.

Was dann allerdings folgte, fand ich wenig überzeugend. Die Vorstellung, die Rot-Grün bot, war vor allem in der Anfangsphase chaotisch. Die lauthals angekündigte Reformpolitik trat auf der Stelle, die Diadochenkämpfe in der SPD und in der Koalition banden Energien, der Verschleiß des Spitzenpersonals war enorm: Nach zweieinhalb Jahren waren dem Kanzler bereits sechs Minister abhanden gekommen.

Entsprechend fiel die Bilanz aus, die Arnulf Baring und ich im Sommer 2002 zogen. Wobei Baring den Kanzler deutlich kritischer sah, als ich das tat. Denn ich fand, dass Schröder und seine Leute – die schwierige Ausgangslage in Rechnung gestellt – in den ersten vier Jahren durchaus ein Fundament gelegt hatten, auf dem sich arbeiten ließ.

So kam es dann auch nach dem hauchdünnen Wahlsieg vom 22. September 2002. Die großen Weichenstellungen, die Gerhard Schröder im Frühjahr 2003 mit der Neupositionierung der deutschen Außenpolitik während des Dritten Golfkriegs und der Reform des Arbeitsmarktes im Rahmen der sogenannten Agenda 2010 vornahm, waren überfällige und mutige Entscheidungen. Zumal er sie in dem Wissen traf, dass ihn namentlich die Arbeitsmarktreform die Kanzlerschaft kosten könnte. Das hat mich schon damals beeindruckt.

Nach unserem ersten Vieraugengespräch vom Juni 2003 blieben wir in einem lockeren Kontakt. Daran änderte auch sein Sturz infolge der vorgezogenen Bundestagswahl vom 18. September 2005 wenig. Wir sahen uns gelegentlich, vielleicht zwei Mal im Jahr, und tauschten uns aus. Mal in Berlin, mal in Hannover, wo Gerhard Schröder nach dem Auszug aus dem Kanzleramt wieder als Rechtsanwalt tätig wurde.

Am 27. Januar 2010 hielt Schröder in der prall gefüllten Aula der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, an der ich damals forschte und lehrte, einen Vortrag zum Thema „Nach der globalen Finanzkrise: Folgen für eine neue Weltordnung und die Rolle Deutschlands in der internationalen Politik“. Eingeladen wurde er durch das Zentrum für Angewandte Geschichte (ZAG), das ich 2006 unter dem Dach der Universität gegründet hatte. Ein Honorar verlangte er nicht. Das hätten wir uns auch gar nicht leisten können.

Wann genau die Idee entstanden ist, seine Biographie zu schreiben, kann ich nicht mehr sagen. Sicher ist, dass meine Mitarbeiter und ich Anfang 2011 mit den Recherchen loslegten. Ein Anlass für mich, der Biographie Gerhard Schröders auf den Grund zu gehen, war seine Ende 2006 erschienene Autobiographie „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik“. Denn ich fand das Buch – vorsichtig formuliert und im Vergleich mit den Autobiographien seiner drei Vorgänger Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl, die 2004 zu erscheinen begannen – nicht gerade erhebend und dachte mir, dass so ein Leben mehr hergeben müsse.

Das legte auch das erste Kapitel seines Buches nahe. Schröders Kindheit und Jugend erinnerten mich an die frühen Jahre Willy Brandts. Bei allen Unterschieden im Einzelnen hatten die ersten Jahre der beiden späteren sozialdemokratischen Kanzler doch auch Wesentliches gemeinsam – vor allem den Aufstieg aus sehr bescheidenen Verhältnissen.

Das lange Gespräch, das ich dann mit Schröders älterer Schwester Gunhild über ihn führen konnte und das mich nachhaltig beeindruckt hat, bestätigte meine Vermutungen. Revanchieren konnte ich mich bei ihr und ihrem Bruder mit Informationen über ihre Familie, die sie bislang nicht kannten. Ihre Mutter wusste nicht einmal, wer ihr eigener Vater, also Gerhard Schröders Großvater war.

Als ich dieses und andere Gespräche führte, liefen die Forschungsarbeiten für die Biographie bereits auf Hochtouren. Mit an Bord waren meine Mitarbeiter Matthias Klaus Braun, Dimitrios Gounaris und vor allem Claus W. Schäfer, der das ZAG von Anfang an umsichtig und erfolgreich als Geschäftsführer leitete. Bald nach Aufnahme unserer Arbeit wusste ich, mit welchen Material- und Informationsmassen wir es zu tun haben würden.

„Soweit ich sehe“, schrieb ich im Vorwort meiner Biographie Gerhard Schröders, „ist es das erste Mal, dass dem Biographen eines Hauptakteurs der Zeitgeschichte derart zeitnah eine solche Fülle allgemein nicht zugänglicher Unterlagen zur Verfügung stand.“ Das bestätigte mir unter anderem auch Hans-Peter Schwarz – führender deutscher Zeithistoriker, Chronist der Republik, Biograph Konrad Adenauers und Helmut Kohls –, mit dem ich mich während der Arbeit gelegentlich austauschte.

Immerhin konnte ich unter anderem und dank einer Zusage von Kanzlerin Angela Merkel an ihren Vorgänger die auf Schröders Außen- und Europapolitik bezogenen Akten des Kanzleramtes einsehen. Und das war nur die Spitze eines Eisbergs, unter der sich öffentliche und private Aktenbestände aller Art und Provenienz und nicht zuletzt die privaten und die Kanzleramtsakten Gerhard Schröders türmten.

Letztere wurden beim Auszug aus dem Kanzleramt geschlossen in das neue Büro des Bundeskanzlers a.D. Unter den Linden gebracht, das Schröder wie seinen Vorgängern und auch seiner Nachfolgerin durch den Deutschen Bundestag zur Verfügung gestellt wurde.

Dass ich diese Akten geschlossen einsehen konnte, liegt an einem durchaus bemerkenswerten Befund: Anders als Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Helmut Kohl hat Gerhard Schröder nach dem Auszug aus dem Kanzleramt keine auf seine Amtstätigkeit bezogenen Akten mit nach Hause genommen. Was das bedeutet, weiß ich, seit ich die Bestände gesehen habe, die Willy Brandt und Helmut Kohl bei sich daheim eingelagert hatten, insbesondere um ihre Memoiren schreiben zu können.

Im Umkehrschluss bedeutet das, so merkwürdig es auch klingen mag: Gerhard Schröder war und ist es einigermaßen egal, wie er in die Geschichtsbücher eingehen wird. Seinen erwähnten Memoiren, einem Schnellschuss, lagen eher kommerzielle Interessen zugrunde. Für mich als seinem Biographen waren das ideale Ausgangsbedingungen. Tatsächlich hat Gerhard Schröder zu keinem Zeitpunkt versucht, Einfluss auf das Bild zu nehmen, das ich von ihm gezeichnet habe. Und dieses Bild ist eben nicht nur schmeichelhaft.

Die unveröffentlichten wie auch die Massen veröffentlichter schriftlicher und audiovisueller Dokumente waren eine Quelle meiner Arbeit. Die Befragung von Zeitzeugen war die andere. Auch hier hat Schröder nie versucht, einen wie immer gearteten Einfluss zu nehmen. Und auch in dieser Hinsicht darf ich für mich beanspruchen, dass meine Biographie die erste ihrer Art ist, die auf einer derart breiten Basis von ereignisnahen Zeitzeugengesprächen beruht.

Mindestens einmal haben in diesen Jahren mit mir über Gerhard Schröder gesprochen: Béla Anda, Stefan Aust, Egon Bahr, Günter Bannas, Franz Beckenbauer, Kai Diekmann, Erhard Eppler, Joschka Fischer, Günter Grass, Jürgen Großmann, Gregor Gysi, Gunhild Kamp-Schröder, Kurt Kister, Helmut Kohl, Sigrid Krampitz, Oskar Lafontaine, Markus Lüpertz, Angela Merkel, Franz Müntefering, Oskar Negt, Jürgen Peters, Heinrich von Pierer, Ulrike Posche, Wolfgang Schäuble, Rudolf Scharping, Doris Scheibe, Otto Schily, Helmut Schmidt, Renate Schmidt, Thomas Steg, Frank-Walter Steinmeier, Edmund Stoiber, Jürgen Trittin, Hans-Jochen Vogel, Richard von Weizsäcker, Heidemarie Wieczorek-Zeul.

Dass unter meinen Gesprächspartnern sowohl Opfer von Schröders beinharter Machtpolitik als auch einige seiner ärgsten Gegenspieler waren und dass sie in meiner Biographie ausführlich zu Wort kommen, war von Anfang an selbstverständlich. Denn eine Hagiographie ist mein Buch nicht.

Zu bewältigen war die Mammutaufgabe der Erfassung und Bearbeitung der Quellen nur, weil die Rahmenbedingungen stimmten. Dazu gehörte vor allem der hohe Einsatz der genannten Mitarbeiter, aber auch eine weitgehende Freistellung von meinen Lehrverpflichtungen. Sie wurde mir durch den Präsidenten der Universität unter der Bedingung gewährt, dass ich für die Finanzierung einer qualifizierten Lehrstuhlvertretung sorgte. Für die Universitäten sind solche Konstellationen im Übrigen eine Win-Win-Situation. Denn der Vertretene ist ja nicht aus der Welt, sondern kommt in reduziertem Umfang seinen Lehr- und in vollem Umfang seinen Prüfungsverpflichtungen nach. So war es jedenfalls bei mir.

Um die Mitarbeiter des ZAG und meine Lehrstuhlvertretung zu finanzieren, musste ich also die erforderlichen Drittmittel einwerben. Darüber habe ich - auch auf dieser Seite - wiederholt berichtet. Die Gelder für das Schröder- und andere zum Teil parallel laufende Forschungsprojekte setzten sich aus projektbezogenen Drittmitteln und nichtprojektbezogenen Spenden zusammen.

Ohne das beträchtliche Drittmittelaufkommen könnten viele öffentliche Institutionen, auch die Universitäten, ihren Aufträgen und Pflichten kaum in vollem Umfang nachkommen. Spenden sind das mit dem größten Maß an Unabhängigkeit verbundene Drittmittel. Denn der Spender kann keinen Einfluss auf die Verwendung der Gelder nehmen. Umgekehrt darf der Spendenempfänger, also in diesem Fall die Universität, schon aus Datenschutzgründen die Namen der Spender nicht nennen, sofern diese nicht ausdrücklich zustimmen. Man mag das für reformbedürftig halten – dazu neige auch ich –, aber so ist nun einmal die Rechtslage.

Dass die Drittmittel, die von 2006 bis zu meinem Eintritt in den Ruhestand 2017 durch das ZAG eingeworben wurden, dem geltenden Hochschulrecht entsprechend ausnahmslos in den bayerischen Staatshaushalt flossen und nach den Kriterien des staatlichen Haushaltsrechts ausgegeben und abgerechnet wurden, versteht sich von selbst.

Meine Biographie Gerhard Schröders wurde am 22. September 2015 durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und in Anwesenheit von Gerhard Schröder vorgestellt. Damit hatte buchstäblich niemand gerechnet: „Gregor Schöllgens Biografie über Gerhard Schröder hat tatsächlich 1040 Seiten“, schrieb die Süddeutsche Zeitung danach, „und es sieht in den … Sälen vom Tagungszentrum der Berliner Pressekonferenz fast so aus, als sei pro Seite ein Journalist gekommen.“ Entsprechend dicht war die Rezeption.

Dass die Biographie erscheinen würde, stand für mich stets außer Frage. Denn Gerhard Schröder hatte mir sein Wort gegeben. Nicht weniger, allerdings auch nicht mehr. Eine wie immer geartete vertragliche Vereinbarung zwischen uns gab es nicht. Er hätte also jederzeit einen Rückzieher machen können. Dass er das nicht tat, spricht für seine Verlässlichkeit. Und für seine Souveränität. Denn manches von dem, was ich ans Tageslicht förderte, lässt ihn nicht unbedingt in einem günstigen Licht erscheinen.

Und so blieben wir auch nach dem Erscheinen des Buches im Gespräch, trafen uns gelegentlich und gerieten auch das eine oder andere Mal aneinander. Schröder kann durchaus unangenehm werden. Aber das legt sich dann auch wieder.

Natürlich habe ich verfolgt, was Gerhard Schröder nach Erscheinen der Biographie so trieb, wo er sich engagierte, mit wem er gut konnte - und mit wem nicht. Soweit es öffentlich war oder er mir davon erzählte. Bemerkenswert finde ich bis heute, dass sich Schröder mir gegenüber niemals abfällig über seinen Vorgänger Helmut Kohl oder seine Nachfolgerin Angela Merkel geäußert hat. Kritisch, manchmal auch scharf, ja. Aber nie abfällig.

Sein heute besonders heftig kritisiertes Engagement als Vorsitzender der Verwaltungsräte von Nord Stream 1 und Nord Stream 2 fand ich rechtlich nicht anfechtbar und politisch richtig, weil es eine bewährte Tradition der deutsch-sowjetischen beziehungsweise deutsch-russischen Erdgas-Röhren-Geschäfte seit den ausgehenden sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts fortschrieb. Ich hielt diese Geschäfte auch deshalb für angemessen, weil sie selbst in sehr schwierigen Zeiten eine belastbare Verbindung darstellten. Das setzte allerdings voraus, dass die Sowjets beziehungsweise die Russen nicht ein Monopol bekamen.

In diesem Sinne hatte das Thema – mit meiner 1996 erschienenen „Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow 1941-1991“ beginnend – auch einen festen Platz in meinen Veröffentlichungen zur Weltpolitik im Allgemeinen und zur deutschen Außenpolitik im Besonderen. Mit Gerhard Schröder hatte das zunächst nichts zu tun. Erst mit Nord Stream 1, also seit 2005, begann sich das zu ändern. Zugänge zu den einschlägigen Arbeiten finden sich auf dieser Website.

Wenn ich nach dem Erscheinen der Biographie etwas zu diesem oder anderen Themen publizierte, schickte ich es meistens Gerhard Schröder zu. So auch einen Artikel, der sich kritisch mit dem Zustand und den Perspektiven von NATO und EU auseinandersetzte und am 11. August 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter dem Titel „Nato und Europäische Union sind nicht mehr nötig“ erschien. Die Überschrift, die den Inhalt des Stücks zumindest relativierte, wenn nicht auf den Kopf stellte, stammte nicht von mir, sondern wurde dem Artikel durch die Redaktion ohne mein Wissen verpasst. Mein Titel lautete: „Wer sind wir und wo stehen wir?“

Unter den vielen Reaktionen, die mich daraufhin erreichten, war auch ein Brief Gerhard Schröders, der sich teils zustimmend, teil kritisch mit meinen Überlegungen auseinandersetzte. Als wir wenig später in Berlin darüber diskutierten, tauchte die Frage auf, ob wir uns nicht gemeinsam zu diesem Themenkomplex äußern wollten – obgleich oder eben weil wir nicht in allen Punkten unbedingt der gleichen Auffassung waren.

So entstand unser Buch „Letzte Chance. Warum wir jetzt eine neue Weltordnung brauchen“. Für mich stand außer Frage, dass ich meine Positionen, etwa zur völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland, auf keinen Fall aufgeben würde. Im Übrigen ist Russland nur eines von sehr vielen anderen Themen unseres Buches. Auch wenn der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine manche Einschätzung vom Tische gefegt hat, bestätigen die politischen, wirtschaftlichen oder auch sozialen Entwicklungen unserer Welt doch Tag für Tag und auf erschreckende Weise unser dort gezeichnetes Bild.

Die Reaktion auf unser Buch war, mit einem Spiegel-Gespräch beginnend, enorm. Dass wir uns dann aber doch zurückhielten und insbesondere keine der etlichen Fernseh- und namentlich Talkshowanfragen zusagten, hatte neben coronabedingten Komplikationen vor allem einen Grund: Der Fall des inhaftieren russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, der gerade einem Mordanschlag entgangen war, dominierte nicht ohne Grund die öffentliche Debatte und stellte auch unser eigentliches Thema, die alte und die neue Weltordnung, in den Schatten. Ich habe dann meine Position zum Thema Nawalny contra Putin Anfang Februar 2021 auf dieser Seite formuliert.

Das Beispiel zeigt, dass Gerhard Schröder und ich nicht immer einer Meinung waren. Aber das ist ja auch nicht nötig, wenn man im Gespräch bleiben will. Eng wurde es mit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Was aus meiner Sicht zu dem Angriff zu sagen war, habe ich einen Tag später auf dieser Seite gesagt. Und ich habe hier am 3. März 2022 auch deutlich gemacht, was ich von Gerhard Schröders Haltung in dieser dramatischen Situation halte: Sie war und ist ein Fehler. Denn Schröder hätte es nicht bei einer allgemeinen Verurteilung des Krieges belassen dürfen, sondern seine Funktionen zum Beispiel in den Verwaltungsräten von Nord Stream 1 und 2 niederlegen und sich von Wladimir Putin distanzieren müssen: sofort, öffentlich und unmissverständlich.

Aber eine mittelbare oder gar direkte Verantwortung für diesen brutalen Krieg trägt er nicht. Das habe ich damals gesagt. Und dazu stehe ich auch heute. Der Hohn, ja auch der Hass, die ihm seither entgegenschlagen, stehen in keinem Verhältnis zu dem schweren Fehler, den er zuletzt gemacht und für den er sich zu verantworten hat. Die „Verachtung, die Gerhard Schröder jetzt zu spüren bekommt“, schrieb Claudius Seidl Mitte Mai 2022 in der FAZ, ist „eine atemberaubende Heuchelei“.

Tatsächlich darf man nicht vergessen, dass die deutsche Politik gegenüber der Sowjetunion beziehungsweise Russland seit ihren Anfängen, also seit 1955, unter dem Strich immer mehrheitsfähig war, wie man in meiner Deutschen Außenpolitik. Von 1945 bis zur Gegenwart nachlesen kann. Auch Gerhard Schröder war nicht alleine unterwegs, jedenfalls nicht bis Anfang 2022. Das sollten die bedenken, die ihm nicht auf allen Stationen seines politischen Weges folgen konnten oder folgen wollten. Zu ihnen gehörte auch ich.